Glaubt man Beobachtern, wird künftig kaum ein Wirtschaftsbereich von den Auswirkungen technologischer Innovationen in solchem Maße betroffen sein, wie der Banken- und Finanzsektor. Hier ballt sich das Engagement bei der Entwicklung neuer Technologien. Ob Start-up, FinTech oder Großbank – nahezu alle Finanzanbieter haben dabei eine Blockchain-Strategie in der Hinterhand oder setzen voll auf die Potentiale dezentraler Daten. Gleichzeitig versuchen Unternehmen wie R3 mit ihrer Bankenplattform Corda gleich möglichst viele Marktteilnehmer mit gemeinsamen Blockchain-Lösungen zu vereinen.

Ein Unternehmen, das diesem Trend auf den Zahn fühlt, ist der US-Beratungs- und Marktforschungsanbieter Gartner. In dessen jährlichen Blockchain-Hype-Cycle-Bericht nehmen die Analysten den Entwicklungsfortschritt der Technologien branchenübergreifend unter die Lupe. Dass Hype und Wirklichkeit dabei tatsächlich weit auseinander liegen können, zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt ihre jüngste Studie.

Ohne Standards kein Durchbruch im Finanzsektor

So sei der Bankensektor nach Ansicht der Berater zwar in der Tat der derzeit wohl reifste Anwendungsbereich für die flächendeckenden Einsatz der Blockchain. Dennoch mangele es dieser Tage vor allem an gemeinsamen Standards. Diese wiederum seien für den flächendeckenden Austausch von Daten zwischen Unternehmen und Institutionen notwendig.

Derzeit sehen wir Blockchain[-Vorstöße] in mehreren Schlüsselbereichen von Bank- und Wertpapierdienstleistungen, die sich auf Permissioned-Ledger-Lösungen konzentrieren. Zudem erwarten wir weiteren Fortschritt bei der Entwicklung und Akzeptanz digitaler Token. In nicht technologiebezogenen Bereichen wie Standards bei den regulatorischen Rahmenbedingungen und der Organisationsstruktur von Blockchain-Funktionen ist jedoch noch erhebliche Arbeit zu leisten, bis […] die Technologien im Mainstream ankommen,

mahnt Gartner-Vizepräsident David Furlonger Unternehmen zur Weitsicht und Zusammenarbeit.

Bis die Industrie jedoch geeignete Richtlinien fände, werde es zunächst weitere drei bis fünf Jahre brauchen, attestiert der Bericht weiter. Derzeit seien entsprechende Vorstöße zur Standardisierung noch zu fragmentiert.

Für die kommenden Jahre erwarte man deshalb, „nicht mehr als vier oder fünf“ solcher gemeinsamer Standards, unterstrich Gartners Wissenschaftsleiter Fabio Chesini auf einer zur Stunde tagenden Konferenz des Unternehmens im südafrikanischen Kapstadt. Besonders für den Finanzsektor seien übereinstimmende Normen und Richtwerte jedoch ein wichtiger Wachstumsfaktor.

[Für die Anwendung von Blockchain-Technologien] sind und werden branchenübergreifende Interoperabilitätsstandards von entscheidender Bedeutung sein,

ist er sich sicher.

Künftig müssten Firmen dafür sorgen, dass ihre Blockchain-Lösungen unter anderem mit den gleichen Software-Systemen liefen. Nur so könnte die Interoperabilität unterschiedlicher Datenbanken gewährleistet werden.

Gartner-Bericht: 60 Prozent aller Unternehmen wollen Blockchain einsetzen

Banking allein ist jedoch längst nicht der einzige Wirtschaftssektor, der dieser Tage an der Anwendung von Blockchain-Lösungen feilt. Als weitere entscheidende Einsatzgebiete, die bereits bald reif für Nutzung dezentraler Technologien wären, sieht der Blockchain-Hype-Cycle von Gartner neben der öffentlichen Verwaltung zudem das Bildungs- und das Versicherungswesen. Wegweisendes Wachstumspotential bestünde derweil im Gamingbereich sowie im Einzelhandel.

Dabei gaben gegenüber den Analysten über 60 Prozent der befragten Unternehmenslenker an, in den kommenden Jahren Blockchain-Technologie in ihrem Geschäft zum Einsatz bringen zu wollen. Ob der Graben zwischen Hype und Wirklichkeit dann leichter zu überbrücken sein wird, bleibt bisweilen abzuwarten.