Das Problem: Findige Trader haben einen Weg gefunden, das Risikomanagement der Trading App zu umgehen und konnten so Aktien mit de facto unbegrenzter Leverage handeln. Offenbar hat Robinhood in diesen Fällen den Wert von Call-Postionen zu dem Investitionskapital der Nutzer gerechnet. Dadurch konnten diese immer größere Positionen eröffnen – und den Vorgang wiederholen. In dem Onlineforum Reddit berichten Nutzer von ihren Erfahrungen mit dem Exploit, den die Community „Infinite Money Cheat Code“ getauft hat.

Ein Reddit-Nutzer beschreibt sein Vorgehen so:

Ich habe eine Einzahlung von 2.000 US-Dollar getätigt (das Minimum, das für den Zugang zum Gold Trading erforderlich ist), und dann habe ich 100 Aktien von AMD für etwa 3.800 mit Margin gekauft. Dann verkaufte ich einen AMD Call Contract mit einem 2 US-Dollar Strike Price, um fast mein ganzes Geld zurückzubekommen […]. Dann benutze ich dieses Geld, um ZWEIHUNDERT Aktien von AMD zu kaufen – denkt daran, dass die Margin meine Kaufkraft verdoppelt –, dann verkaufe ich 2 Call Contracts mit dem gleichen Ausübungspreis von 2 US-Dollar, um fast mein ganzes Geld zurückzubekommen, das dann dank der Margin von Robinhood wieder verdoppelt wird. Ich wiederhole dies, bis meine persönliche Risikotoleranz ausgereizt ist. Im Moment bin ich bei 25 x Leverage, weil ich 2.000 US-Dollar in Soforteinzahlungen hatte. Ich nutze dann meine erhöhte Kaufkraft, um meine Gewinne zu maximieren.

Der „Infinite Money Cheat Code“ für Robinhood

Auf diese Weise vergrößerte der Nutzer seine vermeintliche Kaufkraft auf über 50.000 US-Dollar. Diese setzte er ein, um Put-Optionen auf Apple-Aktien zu kaufen. Er spekulierte darauf, dass der Kurs der Apple-Aktie nach der Veröffentlichung der Finanzergebnisse am 30. Oktober fallen würde. Die Rechnung ist nicht aufgegangen – innerhalb weniger Sekunden nach Handelsbeginn hat der Trader aus seinem ursprünglichen Investment von 2.000 US-Dollar Schulden in Höhe von rund 50.000 US-Dollar gemacht. Der Redditor mit dem Benutzernamen ControlTheNarrative hat es durch die Veröffentlichung eines entsprechenden Videos mittlerweile zu zweifelhaftem Ruhm gebracht:

Ein anderer Nutzer gaben an, über den Bug eine Leverage von über 500 x erzielt zu haben. Mit einem Investment von 3.000 US-Dollar konnte er auf diese Weise eine Long Position für AMD-Aktien in Höhe von 1,7 Millionen US-Dollar eröffnen.

Bislang ist noch unklar, ob und welche Konsequenzen der Glitch mit sich bringt. Gegenüber dem US-Nachrichtendienst Bloomberg warnt der Jurist Donald Langevoort von der Universität Georgetown eventuelle Trittbrettfahrer vor dem Ausnutzen des Bugs:

Wenn es ein Element der Täuschung gibt, dass Sie dies durch die Ausnutzung einer Lücke in einem System erreicht haben, kann ich sehen, wie das zu einem Wertpapierbetrugsfall werden könnte.

Wer, so der Jurist weiter, den Fehler eines anderen zur Selbstbereicherung ausnutze, hat damit zu rechnen, es zurückzahlen zu müssen.

Robinhood hat unterdessen verlautbart, in persönlichen Kontakt mit den betroffenen Tradern zu stehen. Das kalifornische FinTech-Unternehmen, das auch Krypto-Trading anbietet, konnte im Juli in einer Investitionsrunde 323 Millionen US-Dollar sammeln.