BTC-ECHO: Bei Fractal bietet ihr Know-Your-Customer- und Anti-Geldwäsche-Lösungen an. Warum seid ihr ausgerechnet in der Blockchain-Branche so präsent? Welche Rolle hat KYC überhaupt für die Blockchain-Ökonomie?

Julian Leitloff: Wir sind mit der Mission 2017 gestartet, indem wir uns angeschaut haben, was man machen muss, um so ein offenes Finanzsystem auf Protokoll-Ebene zum Laufen zu bekommen. Damals wurde viel versprochen. Es waren Token Economics und Anreizmodelle für Loan-Protokolle im Gespräch. Das war zwar alles hochintellektuell und spannend. Aber niemand hat sich einmal angeschaut, was es faktisch braucht, damit diese Dinge auch funktionieren.

Eine grundlegende Frage ist bereits, wie sich Kunden überhaupt onboarden können. Wir wollten nicht ein weiteres Protokoll auf dem Markt sein, das tolle Sachen verspricht und ein ICO veranstaltet, diese Versprechen dann aber überhaupt nicht einlösen kann. Wir wollten eine Infrastruktur schaffen, die es ermöglicht, dass dieses Ökosystem wirklich funktioniert. Wir haben also nicht einen ID-Service gegründet und dann geschaut, welche verschiedenen Zielmärkte es gibt, sondern haben umgekehrt im Zielmarkt geschaut, wie wir hilfreich sein können.

BTC-ECHO: Eure ersten Kunden waren ICOs, denen ihr geholfen habt Compliance-Anforderungen zu erfüllen, indem ihr beispielsweise Know-Your-Customer-Checks durchgeführt habt. Nun ist die große ICO-Ära vorerst vorbei. Wer sind jetzt eure Kunden? STOs oder sind das auch andere?

Julian Leitloff: Die Frage ist ja eine grundsätzlichere: Wo gibt es im Blockchain-Bereich Traktion im Sinne von Nutzern? Denn dort wo Nutzer sind, braucht es ein Onboarding. Zumindest bei Anwendungen im Finanzbereich, weil dieser reguliert ist. Und die Nutzer finden sich weniger im ICO-Sektor, sondern vor allem bei Krypto-Börsen. Es gibt wenig Zahlen, die öffentlich sind. Bezüglich Binance weiß man zumindest, dass es zwischen 20 und 30 Millionen Nutzer sind.

Wir haben uns angesehen, welche öffentlich verfügbaren Signale es gibt, also Traffic zum Beispiel, und haben gesehen, dass es ungefähr 280 Millionen Accounts gibt. Das hat natürlich eine hohe Schwankungsbreite, je nachdem wie viele doppelte Accounts es beispielsweise gibt oder ob das Verhältnis zwischen Traffic und Accounts immer gleich ist. Aber ich denke, dass wir schon jetzt weltweit eine aktive Nutzerschaft von über einhundert Millionen Menschen haben. Im Vergleich zu FinTechs ist das schon ziemlich groß. Dazu kommen natürlich noch die Wallet-Anbieter. Und ja: ICOs sind natürlich stark zurückgegangen. Auch STOs haben diese Lücke nicht geschlossen, was häufig angenommen wurde. Momentan befindet man sich in einer Wartestellung, um zu schauen, was als nächstes passiert.

BTC-ECHO: Ihr arbeitet mit dem KILT-Protokoll zusammen, das dezentrale Identitätslösungen auf der Blockchain ermöglicht. Welche Rolle übernimmt hier Fractal?

Julian Leitloff: Im Endeffekt ist das wie ein Vergleich zwischen SMTP und Gmail. Du hast auf der Protokoll-Ebene eine Standardisierung. KILT bietet diesen Standard und wir erbringen auf der Applikationsebene Dienstleistungen, um Identitäten und eine Interoperabilität in einem international regulierten System festzustellen. Dass man in Deutschland geonboardet ist, bedeutet nicht automatisch, dass man das auch in einem anderen Land mit den gleichen Informationen ist. Und genau diese Dienstleistung übernehmen wir, also dass man sich irgendwo einloggen, seine Daten einsehen und jemanden anrufen kann.

BTC-ECHO: Mit dem Internet der Dinge wird die sogenannte Machine-to-Machine-Kommunikation immer öfter erwähnt. Es werden zukünftig also immer häufiger Maschinen und nicht mehr Menschen sein, die Transaktionen veranlassen. Was bedeutet das für KYC-Prozesse?

Julian Leitloff: Wir übernehmen die Feststellung von menschlicher Identität. Wir launchen jetzt unser Free-Tier-Produkt in den Philippinen. Dort hat die Hälfte der Leute keinen Zugang zur Identität beziehungsweise zu einer Identitätsfeststellung. Dabei ist Identität das erste, was du brauchst, damit man dich ernst nimmt. Ohne Identität hat man keine Rechte, keinen Besitz und kann nirgendwohin reisen. Wenn man sich das Internet anschaut, sieht man, dass es zu einer Identitätsfeststellung wurde.

BTC-ECHO: Das heißt für euch sind vor allem Schwellenländer interessant, in denen die Menschen und Unternehmen nicht „overbanked“ sind wie hier in Deutschland?

Julian Leitloff: Der Finanzmarkt ist hierzulande teilweise noch sehr regional. Möchte man ein Haus kaufen, geht man zur regionalen Sparkasse, obwohl das überhaupt keinen Sinn macht. Schließlich tragen die ja nicht die Steine mit einer Schubkarre zu dir hin, sondern überweisen dir Geld, das auch aus Japan oder woanders herkommen könnte. Und das verändert sich gerade im Finanzmarkt, weil die Digitalisierung und das Internet im Grunde noch nicht so stark im Finanzmarkt angekommen sind, wie das Internet der Information für Publisher Ende der 90er-Jahre. Und ich glaube auch, dass wir hier zum Beispiel im Bereich der Kapitalanlagen underbanked sind. Warum sollte man das jetzt in den nächsten ETF schieben? Es gibt Unternehmer oder Studenten in Ländern, die diese Infrastruktur nicht haben. Warum kann man denen nicht Geld leihen? Bei Mikrokrediten hat sich gezeigt, dass die Ausfallrate in solchen Settings enorm gering ist. Man hat den Vorteil, dass man höhere Zinsen erhält und es hilft zudem dem ganzen Ökosystem.

BTC-ECHO: Und natürlich seid ihr stark in regulatorische Prozesse integriert. Ihr habt Juristen in verschiedenen Jurisdiktionen. Wie bewertest du von diesem Standpunkt aus Deutschland als Jurisdiktion für das Thema KYC im Vergleich zu anderen Ländern?

Julian Leitloff: Das hat verschiedene Facetten. Wenn man das im Fintech-Bereich vergleicht, sieht man, dass die Wachstumsraten nicht so schnell sind. Das liegt daran, dass ein Video-Identifikationsverfahren einen Conversion-Killer darstellt. Da haben andere einfach einen Vorteil. Jetzt kann man sich darüber streiten, ob das sicherer oder nicht sicherer ist. Das möchte ich gar nicht beurteilen. Ich möchte nur erstmal feststellen, dass das nicht sehr vorteilhaft ist. Es gibt aber auch noch andere dringliche Themen, zum Beispiel Data Privacy. Da stelle ich fest, dass unsere Data-Privacy-Regulierung sehr nützlich und gut für den Nutzer ist.

BTC-ECHO: Letztes Jahr gab es eine rege Debatte zur DSGVO. Was ist eure Position, insbesondere im Hinblick auf die Blockchain-Industrie? Unsinnige Erschwernis oder gut umsetzbare Regulatorik, die zu mehr Datenschutz führt?

Julian Leitloff: Wenn man das löst, wofür die Technologie prädestiniert ist, dann spielt uns das als Branche total in die Karten. Ich befürworte, dass man nicht mit meinen Daten einfach machen kann, was man will. Das respektieren wir. Ich glaube, das führt die Nutzer zu uns, die die Wahl haben zwischen uns und einem anderen Produkt, das sehr lose mit dem Datenschutz umgeht. Das ist ein Grund, warum sich Leute für uns entscheiden.