Keine Frage: Der Token-Sale-Markt ist tot. Was als gute Peer-to-Peer-Alternative zu Investoren und VC-Funds begann, wurde zu einer Schwemme an leeren Marketing-Floskeln, Scams und schließlich strengen Regulierungen seitens der nationalen Behörden. Und auch in Zeiten von Security Token Offerings führt diese eigentlich neue Art der Finanzierung nun ein Schattendasein.

Das ist schade, da so viele engagierte Entwickler-Teams keine Chance haben, die für ihre Projekte notwendige Finanzierung zu finden. Gerade wenn Projekte Open Source bleiben wollen, stößt man schnell auf die Tragedy of the Commons: Wer soll für Software, die free as in free speech and as in free beer (um ein bekanntes Open-Source-Motto abzuwandeln) ist, zahlen? Ja, kommt durchaus vor, aber wirklich viel Geld kommt dabei nicht heraus, wie auch Urgesteine der Open-Source-Welt bestätigen können. Was verständlich ist: Vielen fehlt für eine wirklich kompensierende Unterstützung einfach das Geld.

Einer für alle, alle für einen: Die Macht des quadratischen Fundings

Schon vor knapp zwei Jahren hat Vitalik Buterin gemeinsam mit Zoë Hitzig und E. Glen Weyl ein Paper veröffentlicht, in der eine Alternative zu bisherigen Finanzierungsmechanismen vorgestellt wird. In einem weiteren Artikel beschreibt Vitalik das doch recht sperrige Paper etwas lebendiger. Er ermöglicht so auch jenen, die nicht formelaffin sind, den Ansatz hinter quadratischem Funding zu verstehen.

Quadratisches Funding versucht, ein bekanntes Dilemma im Bereich der Finanzierung zu lösen. Zusammengefasst ist das Problem, dass bisherige Finanzierungsmodelle grundsätzlich unfair sind. Wenn Investoren mit ihrem Kapital wählen (weiter unten als geldzentriert bezeichnet), wird das System schnell zu einer Plutokratie, einer Herrschaft der Reichen. Auch ein sozialer Geldvergabe-Mechanismus (später als menschenzentriert bezeichnet), in dem Gelder kollektiv gesammelt und diese dann per Abstimmungsverfahren weitergegeben werden, kann unfair sein: So ist das Stimmrecht jener, die ihr gesamtes Kapital geben, auch nicht größer als jene, die kaum etwas dazugeben.

Quadratisches Funding versucht das Dilemma zu lösen, indem der Einfluss des gespendeten Kapitals nicht linear, sondern in Form einer Quadratwurzel-Funktion ansteigt. Recht kompliziert, aber ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

In obiger Abbildung ist dargestellt, wie die unterschiedlichen Finanzierungsmodelle zu sehen sind. Auf der x-Achse ist eine Wertbemessung zu sehen. Das investierte Kapital wächst mit dieser Größe. Auf der Y-Achse ist der Einfluss dargestellt, den man sich durch das investierte Kapital erkauft. In geldzentrierten Systemen, beispielsweise dem klassischen Tauschhandel, wäre der Käufer ab einer bestimmten Summe im Vollbesitz des Wirtschaftsgutes. In einem menschenzentrierten System kann niemand, egal wie viel Geld er in das System einspeist, alleine den kompletten Einfluss haben. Im quadratischen System ist ihm dies möglich, jedoch müsste er dazu sehr viel Kapital aufwenden.

Warum aber quadratisches Funding? Nicht umsonst ist die X-Achse mit  „Wertbemessung“ gelabelt. Das investierte Kapital entspricht nämlich dem Flächeninhalt in den obigen Abbildungen. Und dieser wächst in den ersten zwei Fällen linear, im letzten aber quadratisch.

Gitcoin Funding: Grants und Bounties

So weit zur Theorie. Was hat das nun mit Gitcoin zu tun? Eines der Ziele der Gitcoin-Plattform ist eben, Investment in Krypto-Projekte fairer zu gestalten. Gitcoin möchte das Open-Source-Ökosystem um Ethereum stärken, und das ohne mit irgendwelchen Coins zu locken. Dabei wendet die Plattform unter anderem das quadratische Funding an. Unter Grants finden sich unterschiedlichste Projekte, denen Interessierte Geld spenden können.

Ja, richtig gelesen: Spenden. Auf Gitcoin geht es weniger um Investment und das Erzielen von einem direkten Return of Invest, sondern darum, das gesamte Ethereum-Ökosystem auszubauen. Man könnte es so ausdrücken: Durch Unterstützen von Projekten wie Uniswap hilft man dem ganzen Ökosystem und damit auch der Bewertung von Ethereum. Entsprechend können Ether-Investoren es als indirektes Investment sehen. Die Token-Manie, die wir 2017 hatten, ist damit jedenfalls nicht möglich.

Vielleicht hat man jedoch kein Geld, möchte sich jedoch etwas einbringen. Für jene mit Programmierkenntnissen gibt es hier durchaus ein großes Feld an Arbeit. Ein Vorteil: Bei diesen Bounties gibt es gutes Geld zu erwerben:

Auf Gitcoin gibt es Bounties für jedes Skill-Level

Kein Geld? Keine Coding-Skills? Kein Problem für Gitcoin

Nun sind wir nicht alle Entwickler. Ebensowenig sind alle gerade flüssig genug, um andere Projekte zu unterstützen. Auch dann lohnt sich ein Besuch der Plattform. Zum einen helfen einem die unterschiedlichsten Projekte auf der Seite, bezüglich neuer Entwicklungen im Ethereum-Ökosystem am Ball zu bleiben. Noch wichtiger jedoch: Interessierte können über Quests viel über dezentrale Internet-Projekte lernen – und dabei ein paar kleine, zum Teil limitierte Collectibles gewinnen.

Bei jenen Quests lassen sich sogenannte Kudos gewinnen, die dann beispielsweise wie folgt aussehen können:

Ein NFT-Token von Gitcoin

Dieser Gamification-gesteuerte Lernansatz, wie er sich in den Quests auf Gitcoin zeigt, erinnert an Plattformen wie Codecombat oder Kaggle. Diese Gamification hilft Einsteigern, die unterschiedlichsten Aspekte rund um das Ethereum-Ökosystem besser zu verstehen. Die Quests sorgen außerdem dafür, dass es sich bei Gitcoin nicht nur um eine Crowd-Funding-Plattform handelt, sondern insgesamt recht kurzweilig dabei hilft, in Austausch mit der Ether Community zu treten.