Dass wir in eine Rezession kommen, ist sicher. Weniger sicher ist, ob es auch zu einer Finanzkrise kommt, in der wieder Banken, wie schon zur Lehman-Pleite 2007, gerettet werden müssen. Wie das aktuelle Verhalten der Finanzinstitute zu bewerten ist, wie sich die Finanzakteure auf stürmische Zeiten vorbereiten und warum es keine Gewissheit gibt, dass das Eigenkapital die kommenden Kreditausfälle auffangen kann. Ein Kommentar.

Während in der Finanzkrise 2008 die Banken und ihre
Finanzprodukte im Mittelpunkt der damaligen Wirtschaftskrise standen, spielen
sie gegenwärtig nur eine Nebenrolle. Anstatt um Kreditausfälle bei Immobilien
geht es um die Infektionskurven von Covid-19. Nur wenige Menschen scheinen sich
um mögliche Ausfälle bei Banken zu sorgen. Auch die Banken selbst betonen
geradezu selbstbewusst wie gut es ihnen geht und dass es keinen Grund gibt, an
der Stabilität des Finanzsektors zu zweifeln.

Banken sagen Finanzkrise vorerst ab

Geradezu proaktiv haben viele Banken in den letzten Tagen Statements von Vorständen und Chefvolkswirten veröffentlicht, in denen betont wird, dass es keinerlei Grund zur Besorgnis gibt. Sogar Dividendenzahlungen möchte die Investmentbank J.P. Morgan ausschütten, auch wenn man sich darüber im Klaren ist, dass eine Rezession unausweichlich ist. In einer Presseaussendung der Bank lässt sich der CIO für den Bereich Anleihen, Robert Michele, wie folgt zitieren:

Wir glauben nicht, dass das System heute so verschuldet ist wie 2008. Die Möglichkeit des Eintretens einer Finanzkrise ist nach wie vor sehr gering.

Robert Michele, J.P. Morgan

Auch bei der Commerzbank sieht man weder sich noch das Finanzsystem ernsthaft durch die Corona–Krise gefährdet. Privatkundenvorstand Michael Mandel betont im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass man viel stabiler als noch zu der Finanzkrise 2008 dasteht: „Unsere Puffer sind deutlich größer, das ist der große Unterschied zu 2008.“

Auch von den meisten anderen großen Banken finden sich
derartige Statements, die allesamt die gleiche Aussage haben: Ja, wir befinden
uns in einer temporären Krise, allerdings gibt es diesmal keinen Grund sich um
die Bankhäuser zu sorgen.

Einen Vorwurf kann man den Banken dabei nicht machen. Es ist vollkommen richtig, in der Krise Stärke und Stabilität zu signalisieren. Selbst wenn die Situation nicht so unter Kontrolle ist, wie aktuell vorgegeben wird, wäre es absolut fahrlässig, öffentlich zu äußern, dass die Risiken zu einer gefährlichen Schieflage der Bank führen könnten. Ein Banker, der so etwas öffentlich äußert, riskiert nicht nur seinen Job, sondern auch einen (finanziellen) Angriff auf seine Bank.

Wegducken und den Staat übernehmen lassen

Dafür, dass im Grunde alles in Ordnung sei, sieht es im Kreditsektor allerdings ziemlich düster aus. Nicht nur halten sich Banken mit der Kreditvergabe an die Realwirtschaft zurück, sondern leihen sich auch untereinander kaum noch Geld. Lieber zahlt man hohe Strafzinsen an die Notenbank und verzichtet auf Kreditgeschäft mit Unternehmen. Aus Risikosicht mag das verständlich sein, dennoch lässt es ernsthafte Zweifel an der ursprünglich dienenden Funktion der Banken an der Realwirtschaft aufkommen.

Um sich komplett von Kreditrisiken zu befreien, zögert man auch bei der Vergabe bei Krediten, die bis zu 90 Prozent von der KfW abgesichert sind. Da der Staat auf die Hilfe der Banken angewiesen ist, gibt er nun nach und übernimmt bis zu 100 Prozent des gesamten Kreditrisikos – 1:0 für die Banken. So sehr man geneigt ist, die Banken für ihr Verhalten zu kritisieren, kann man ihnen kein wirtschaftlich falsches Verhalten vorwerfen. Banken handeln hochrational und strategisch. Eine Kritik ist also eher am System respektive an den regulatorischen Rahmenbedingungen festzumachen und weniger an dem ökonomischen Verhalten der Banken. Schließlich möchte niemand sein Geld bei einer Bank liegen haben, die trotz negativen Scorings Kredite vergibt.

Man bereitet sich auf ungemütliche Zeiten vor

Dass die Banken aktuell besonders risikoavers sind, ist nachvollziehbar. Schließlich ist es kein Geheimwissen, dass es in den nächsten Monaten zu enormen Kreditausfällen – sprich: Abschreibungen – kommen wird. Wie in Kommentaren bereits erläutert, drohen durch die vielen Sekundäreffekte der Corona–Krise hohe Kreditrisiken.

Banken und Behörden wissen, dass jetzt jeder Tag zählt, um
das Bankensystem von allen Seiten zu stabilisieren. Man hat durchaus von der
Finanzkrise 2008 gelernt. Zwar hat man nur bedingt notwendige Reformen
durchgeführt, dafür ist man jetzt aber sensibler für Risiken.

Eurozone und vermeintliche Bankenstabilität

Angenommen, die meisten Banken schafften es tatsächlich, dank des Rettungsschirms von Notenbanken und Kredit-Haftungsübernahmen die ersten Schockwellen der Corona-Kreditausfälle zu überstehen. Was ist dann mit den zahlreichen Wackelkandidaten, insbesondere den italienischen Banken? Durch die Interdependenzen im Finanzsektor können einige wenige Bankinstitute die gesamte Branche in existenzielle Gefahr bringen. Sollte es zu politischen Schwierigkeiten kommen, da man sich beispielsweise nicht auf Corona-Bonds einigen kann, kann auch eine Verstaatlichung von in Schieflage geratenen italienischen Banken nicht vom Staat garantiert werden. Ohne Verstaatlichung drohen aber gefährliche Dominoeffekte, die letztlich auch die Banktürme in Frankfurt erzittern ließen.

So sehr sich Banken dafür feiern, dass sie seit der Finanzkrise 2008 ihre Eigenkapitalquote erhöht haben – in Deutschland liegt sie aktuell bei rund 6,5 Prozent – ist es gemessen an den systemischen Kreditausfallrisiken immer noch zu wenig, um sich wirklich sicher zu fühlen. Auch haben die Banken in Europa große Probleme den Eigenkapitalanforderungen nach Basel 4 nachzukommen. So fehlt den Banken zur Erfüllung der Vorschriften rund 135 Milliarden Euro. Kein Wunder, sind Banken durch den Strukturwandel im Finanzsektor sowieso schon hart gebeutelt. Gerade in der Eurozone schaffen es Banken kaum, noch Gewinne zu erzielen. Dass die ehemals stolzen Institute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, zeigt sich an den Aktienkursen von Deutsche Bank und Co. Keine gute Ausgangssituation für eine Krise.  

Banken fehlt es an eigener Kraft

Dass Banken nun ihre Einsparpläne bedingt durch die Corona–Krise verschärfen und noch stärker Filalien schließen, mag zwar die Kosten senken, stellt aber keine Lösung für fehlende Einnahmen dar. Banken haben kein Kosten-, sondern ein Einnahmenproblem. Gerade kleine Banken wie Sparkassen und Volksbanken wissen nicht mehr wie sie in Zukunft genug verdienen sollen. Das Kerngeschäft, die Kreditvergabe, war schon vor der Corona–Krise durch niedrige Zinsen immer unattraktiver geworden.

Wenn sich jetzt durch die Notenbankmaßnahmen die Rahmenbedingungen noch weiter verschlechtern, wird der Druck sich radikal zu verändern noch größer. Bislang hat es noch keine Universalbank geschafft ein überzeugendes Konzept vorzulegen, wie sie ihre Einnahmen in den nächsten Jahren signifikant steigern will.

Fallhöhe wurde reduziert, nicht aber das Risiko einer Finanzkrise

Sollte der Stein ins Rollen kommen und zu einer Welle von Kreditausfällen führen, kann aus der kommenden Rezession auch eine Finanzkrise werden. Dass das Bankensystem weniger anfällig ist als 2008, liegt weniger an den Banken und den etwas höheren Eigenkapitalquoten als an den regulatorisch-politischen Rahmenbedingungen. Man interveniert schneller und Banken sind weicher gebettet, sodass ein Crash weniger hart ist als noch zur Lehman-Pleite 2007.

Man hat höhere Schutzmauern errichtet, die einen vor der
Flut schützen sollen. Inwiefern diese wirklich halten werden, wird man erst
sehen, wenn es in den nächsten Monaten zu den ersten Sturmwellen kommt. Niemand
kann seriös sagen, ob es durch Corona zu einer Banken- respektive Finanzkrise
kommt. Sicherlich ist aber eine große Portion Skepsis angebracht, wenn es aus
den Bankentürmen heißt, dass man alles unter Kontrolle hat.