Während Amazon von Rekord zu Rekord jagt, sieht es um die Arbeitsplätze in der Old Economy schlechter denn je aus. Auch viele Blockchain-Projekte verlieren stark an Boden. Wie DAX-Konzerne mit Blockchain-Start-ups kooperieren müssen, damit sie in Zukunft nicht zu einfachen Dienstleistern von Apple, Google & Co. degradiert werden. Das Freitagskommentar.

Was war neben Bitcoin und dessen Gegenentwurf zum bestehenden Banken- und Geldsystem nochmal der größte und wichtigste Ansatz der Blockchain-Ökonomie? Die Re-Dezentralisierung von Daten! Es geht darum, die immer größer werdenden Datensilos von Facebook & Co. trocken zu legen, um autonom über die eigenen Daten zu bestimmen und so die Kontrolle über Monetarisierung, Ansammlung und Verifizierung von Daten zurückzugewinnen.

Dies sollte nicht auf revolutionäre Art und Weise geschehen, sondern durch dezentrale Lösungen, die schlichtweg einen höheren Nutzen stiften als ihre zentralistischen Pendants. Mit der Konsequenz, dass diese schleichend zu einer gesünderen Dezentralität führen, die den immer größer werdenden Machtüberhang der Web-2.0-Ökonomie reduziert – mehr Evolution als Revolution. Mit Blick auf die letzten Monate ist im Zuge der Corona-Krise allerdings das Gegenteil geschehen. Während viele Branchen zurückgeworfen wurden, wurden die Plattformbetreiber – AirBnB mal ausgeschlossen – auf das nächste Level gehoben.

Alexa kann sein Glück kaum fassen

Kann zu viel Erfolg unangenehm sein? Wenn es jemanden gibt, der diese Frage beantworten könnte, dann wäre es Amazon-Chef Jeff Bezos. Durch den Corona-Lockdown hat der Internet-Versandhändler enorme Umsatzsteigerungen verzeichnen können. Losgelöst von hohen Umsatzzahlen dürfte vor allem die Datenkrake Alexa von Amazon mehr denn je gelernt haben. Während manche Kinder durch Schulausfall ein Schuljahr verpasst haben und immer noch verpassen, hat Alexa innerhalb weniger Monate direkt mehrere Klassen übersprungen.

Dadurch, dass die ganze Familie 24 Stunden am Tag zu Hause war, wurden die Alexa-Datensilos und Algorithmen gefüttert wie noch nie. Wir haben Daten im Gegenwert von mehreren Milliarden Euro, auch wenn es unmöglich ist, hier einen genauen Betrag zu beziffern, an Amazon verschenkt, damit der Versandhändler noch mehr über unsere (Konsum-)Wünsche lernt.

Zwar mag Amazon der absolute Gewinner gewesen sein, aber auch viele andere Plattformangebote wie Facebook, Netflix oder Google haben neben ihren offensichtlichen Gewinnen große Datengewinne eingefahren. Man denke an dieser Stelle nur an die ganzen Google Hangouts oder Zoom Calls, über die die Geschäftswelt zusammengehalten wurde. Ihre Marktmacht hat zugenommen, während die Old Economy kleingestutzt wurde.

Was ist mit den Blockchain-Angeboten?

Man müsste meinen, dass die Corona-Krise auch eine Steilvorlage für Blockchain-Anwendungen ist. Der Werteaustausch über digitale Infrastrukturen ist mehr denn je notwendiger geworden. Vor allem die zahlreichen dezentralen Corona Apps auf Blockchain-Basis haben es immer wieder in die News geschafft. Doch auch nach dem Hackathon der Bundesregierung, bei dem mehrere Blockchain-Use-Cases – wie beispielsweise Blockchain-Wertmarken oder Krankenscheine – hervorgehoben wurden, muss man sich die Frage stellen, was jetzt wirklich auf Blockchain-Basis kommerziell umgesetzt worden ist.

Bislang steckt man noch im Konzeptstadium fest, trotz guter Ideen und engagierter Start-ups sowie Verbänden wie Bundesblock oder Bitkom. Die Blockchain-Lösungen schaffen es noch nicht, ihre PS auf die Straße zu bringen. Folglich bleiben Lösungen, die unsere Daten vor dem Zugriff zentraler Akteure schützen, aus.

Sogar der Staat sollte hier ein Interesse haben, um sich nicht noch abhängiger von Facebook & Co. zu machen. Würde man alle Privatsphäre-Bedenken über Bord werfen, dann würde Stand jetzt die beste und erfolgversprechendste Corona-Tracking-App von Facebook oder Google kommen. Ein Gedanke, der Staat wie Zivilgesellschaft Angst machen sollte.

Es geht nicht um Jahre, sondern um Monate

Die Machtverschiebung der Plattform-Ökonomie gegenüber dem Rest aller anderen Akteure wie Staaten, Organisationen, Old Economy sowie dezentralen Alternativen, macht noch in diesem Jahr einen großen Sprung. Zum einen ist zu erwarten, dass Facebook mit anderen Konsortial-Unternehmen der Libra Association seinen Stable Coin herausbringt. So gering der anfängliche Impact auch sein mag, wird damit eine neue Grenze zu Gunsten der Tech-Konzerne verschoben. Im Rahmen einer Scheindezentralität – das Libra-Konsortium besteht aus 100 Unternehmen mit den gleichen Interessen – schafft Facebook einen genialen Coup. Bei dem, so wie es aktuell ausschaut, auch der Staat nur hilflos zuschauen kann.

Aber auch weniger krypto-bezogene Silicon-Valley-Projekte stärken die Position der Datenkraken. So sorgte Apple letzte Woche mit Gerüchten zu Apple Glasses für Aufsehen. Die Brille mit Augmented-Reality-Funktion wird neben dem Smartphone zu einem neuen Datensammler. Die Anzahl derartiger internetfähiger Endgeräte (IoT) nimmt in Zukunft eher exponentiell als linear zu. Ganz gleich, ob Apple-Brille oder neue Sensorik im Auto; die datengetriebenen Fangarme dringen in immer tiefere Bereiche unseres Lebens ein. Die Folge ist, dass noch mehr Marktanteile und Wertschöpfung an die genannten Tech-Konzerne fließen.

David gegen Goliath

Die Deutungshoheit über dezentrale Strukturen geht von dem ursprünglichen Impulsgeber, der Krypto-Ökonomie, immer stärker zu alten zentralistischen Akteuren, sei es Facebook oder der chinesische Staat mit seinem digitalen Renminbi, über. Die Corona-Krise, die vielen Krypto-Projekten die notwendige Anschluss-Finanzierung unter dem Boden wegreißt, während Plattformanbieter noch mehr Umsatz machen, verstärkt diese Tendenz nur noch weiter. Es ist wichtig, dass die wirklich dezentralen Blockchain-Projekte massiv unterstützt werden, um schnell Fahrt aufnehmen zu können.  

Es geht nicht darum, Facebook, Amazon oder Google zu schaden, sondern lediglich darum, die gefährliche Dynamik des datenzentrierten Machtüberhangs zu regulieren. Letztlich hat auch die Old Economy ein Interesse daran, auf wirklich dezentrale Blockchain-Lösungen zu setzen. Andernfalls nimmt die Wahrscheinlichkeit immer stärker zu, von den Datenkraken geschluckt zu werden.

Silicon Valley übernimmt unsere Automobilindustrie, wenn nicht…

Damit diese Datenumverteilung beziehungsweise Re-Dezentralisierung gelingen kann, braucht es das Kapital der Old Economy. Konkret sind damit DAX-Konzerne wie beispielsweise Automobil- oder Maschinenbauer gemeint. Durch die Digitalisierung und Neuerungen wie autonomes Fahren, verändert sich die Wertschöpfung der Automobilindustrie. Vereinfacht gesagt, wird das Geld immer weniger mit dem Fahrzeugbau verdient, sondern über die Software-, Kommunikations- und Multimedia-Angebote im Fahrzeug.

Dadurch kann es passieren, dass Daimler und VW in der Wertschöpfungskette immer weiter mehr zu dem werden, was gegenwärtig die Näherinnen in Bangladesch sind: das letzte Glied in der Wertschöpfungskette. Stattdessen würden Apple, Google und Uber durch Plattformangebote und datenbasierte Geschäftsmodelle das Groß an Wertschöpfung in der Automobilindustrie abschöpfen, wenn man nicht den Schulterschluss mit den dezentralen Blockchain-Projekten wagt.

Blockchain-Pilotprojekt: Marketing- oder F&E-Budget?

Aktuell hat man noch die Wahl, wer die Daten im Automobilsektor zukünftig sammelt. Unternimmt die Old Economy nichts, werden die genannten Plattformakteure die potentiellen Daten für sich vereinnahmen und zum Nachteil der Old-Economy-Marktanteile monetarisieren.

Alternativ entscheidet man sich für Blockchain-Lösungen, um Daten gemeinsam mit seinen Kunden zu monetarisieren. Anstatt Schönwetter-Blockchain-Pilotprojekte, wie sie viele DAX-Konzerne vorzuweisen haben, auf den Weg zu bringen, müsste man jetzt ein branchenübergreifendes “Blockchain-Rettungspaket” aufsetzen.

Beispiele, die den Weg skizzieren

Wem das zu schwammig ist, der sollte sich aktuelle Projekte anschauen, die Lösungsansätze für die Old & Blockchain Economy skizzieren. Denn bei aller Kritik an der Lethargie mancher Alt-Konzerne, gibt es durchaus hoffnungsvolle Blockchain-Projekte. Hier zu nennen ist beispielsweise das Blockchain–Unternehmen Riddle&Code. Dieses arbeitet gemeinsam mit Automobilherstellern an Blockchain-Lösungen, wie unter anderem Car Wallets.

Ein anderes „Automobil-Blockchain-Projekt“ stammt unter anderem von Bosch und dem Blockchain-Projekt Streamr. In ihrem Pilotprojekt, bei dem unter anderem auch Jaguar und ebenfalls Riddle&Code mitwirken, wird an einem „Internet für Autos gebaut“, das auf der Token-Ökonomie aufsetzt. Ähnliche Projekte, wenn auch bislang ohne kommerzielle Umsetzung, gab es zwischen IOTA und der Automobilindustrie.

50 Milliarden anstatt 50 Millionen

Anstatt 50 Millionen Euro für eine Handvoll netter Pilotprojekte auszugeben, müsste man jetzt in anderen Größenordnungen denken und den Angriff nach vorne wagen. Ideen gibt es genug, nur nicht die Bereitschaft, auch das Geld für deren Umsetzung auszugeben.

Die Corona-Krise und aktuelle Rezession hat unsere Old Economy angezählt. Noch können die einst stolzen DAX-Konzerne das Ruder rumreißen. Anstatt auf billiges Geld durch expansive Zentralbankmaßnahmen, Konjunkturprogramme sowie Stellenkürzungen zu setzen, sollte man die vorhandenen Reserven in die digitalen Infrastrukturen investieren. Wer das Geld lieber in Verbrennungsmotoren, anstatt in künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Blockchain investiert, wird in Zukunft zum einfachen Dienstleister der Plattformgiganten degradiert.